Vom Kolonialwein zum Grange

Die Gattung Vitis, zu der alle unsere Edelreben gehören, hat es zu Zeiten, als die Kontinente sich noch eng aneinander schmiegten, nicht bis Australien geschafft. Die Verwandtschaft war schneller und so ranken sich weinrebenähnliche Gewächse die Bäume in australischen Urwäldern empor. Sie sehen zwar gänzlich anders aus als unsere Weinreben, aber einige davon tragen auch genießbare Früchte, die abgeschnittenen Stämme dienten den Aborigines als Wasserreserven. Wein wurde daraus keiner gemacht. Bis zu Max Schuberts Grange, war es noch ein langer Weg.

Lieber Rum statt Wein
Die ‚First Fleet', die am 13. Mai 1787 in Portsmouth auslief, legte am 26. Januar 1788 in Sydney Cove, einer kleinen Bucht an. Herr über die elf Schiffe, 756 Gefangenen und 550 Besatzungsmitglieder war Kapitän Arthur Phillip. Er war der erste Gouverneur von New South Wales und notierte, „dass Weinbau in einem so günstigen Klima bis zu jedem gewünschten Grad der Perfektion getrieben werden kann.“ Die mitgebrachten Reben kamen mit der Hitze und Feuchtigkeit des Standorts allerdings nicht zurecht, außerdem wurde in den ersten Jahrzehnten nach der Landung eifrigst dem Rum zugesprochen.

Syrah und Shiraz
Als Vater des australischen Weinbaus gilt der Schotte James Busby (1802 - 1871), der 1824 mit seinen Eltern nach New South Wales auswanderte. Zuvor hatte er in Frankreich Weinbau studiert. Er nutzte die Zeit der Überfahrt zur Verfassung seines Buches über den „Anbau der Rebe und die Kunst der Weinbereitung.“ Er ließ sich im Hunter Valley nieder und begann dort mit dem Weinbau zu experimentieren. Anfang der Dreißigerjahre kehrte er nach Europa zurück und besuchte zahlreiche Weinbaugebiete in Spanien und Frankreich. Von seiner Reise nahm er Stecklinge mit nach Australien, darunter war auch die französische Syrah, die als Shiraz heute die meistangebaute Sorte in Down Under ist.
Kommerzielle Weingüter waren in den meisten Staaten bis 1850 etabliert. Die alten australischen Böden erwiesen sich als fruchtbar und waren durch ihre Abgelegenheit vor den Auswirkungen der Industrialisierung und vor Krankheiten geschützt. 1854 wurde der erste Weinexport, mit 6291 Litern nach Großbritannien, offiziell verzeichnet.

Weinberge der cape Lodge in Margaret RiverDie ältesten Weinreben der Welt
Mitte des 19. Jahrhunderts zerstörte die Reblaus Phylloxera mehr als zwei Drittel der Weinbauflächen in Europa und verbreitete sich 1875 auch in Australien. Strengen Quarantänevorschriften, die den Austausch von Rebstock-Stecklingen zwischen australischen Weinbaugebieten regelten, ist es zu verdanken, dass südaustralische Weingebiete wie das Barossa Valley von der Reblaus verschont blieben und heutzutage einige der ältesten Weinreben der Welt aufweisen - immer noch auf den ursprünglich aus Europa importierten Wurzelstöcken gedeihend!

Trinkmarmelade
Bis in die 1960er wurden rund 80 % der in Australien hergestellten Weine zu süßem Sherry und Portwein, der in Großbritannien unter der Bezeichnung 550 „Kolonialwein“ bekannt war. Der Zustrom europäischer Emigranten nach dem Zweiten Weltkrieg änderte aber nach und nach die Produktions- und Geschmacksgewohnheiten.
Trotzdem hängt dem australischen Wein immer noch der Makel der „Trinkmarmelade“ nach, gefolgt von dem Einwurf, dass nur industrielle Massenware produziert würde und dass laut Gesetz praktisch alles erlaubt sei.
Volle Sonnenkraft in jeder Traube
Heute ist die Rebfläche mit 174.000 Hektar um gut 70% größer als in Deutschland, produziert wird darauf aber mit 9,6 Millionen Hektolitern sogar ein bisschen weniger als in deutschen Landen und auch im Vergleich zum europäischen Schnitt steht man gar nicht schlecht da. Natürlich sieht man hier nicht die romantischen Weinberge wie etwa an der Mosel und in geeigneten Lagen ist auch die maschinelle Ernte ein Valley Kinderspiel. Etwa drei Viertel der Reben stehen im kühleren Süden, aber auch hier reichen die klimatischen Verhältnisse, und um die Trauben vollständig ausreifen zu lassen. Vor allem die Rotweine zeichnen sich durch eine ungemeine Fruchtfülle und -süße aus und entsprechen dadurch eher dem kalifornischen/südamerikanischen Geschmacksbild als dem europäischen. Aber Sorten wie Cabernet, Syrah oder Petit Verdot werden nur mit viel Sonne richtig reif.
Das Weingesetz ist wirklich sehr liberal und mit den europäischen Vorgaben nicht zu vergleichen. Da dürfen dann schon mal Säure zugesetzt und Eichenchips verwendet werden, auch eine Zerlegung des Weines samt anschließender Neuordnung ist möglich, aber letztendlich wird auch hier Wein nur aus Trauben gemacht.