Die Welt tanzt Tango

„Wo hat man den schönsten Blick auf die Beine?“ Mit dieser ungewöhnlichen Frage beginnen viele Reisen nach Argentinien oder besser: Nach Buenos Aires, der Hauptstadt desTangos. Dass es sich dabei keineswegs um eine Anzüglichkeit, sondern um eine berechtigte, weil essenzielle Frage für höchsten Zuschauergenuss handelt, ist Außenstehenden vielleicht nicht ganz klar.
Tango ist Leidenschaft Tango ist BeinarbeitDoch es sind tatsächlich die schwindelerregend herumwirbelnden, synchron gleitenden und wie Verliebte kokettierenden Beine, die den Tango Argentino zum Leben erwecken. Die ihn so einzigartig machen, dass er von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe erklärt wurde. Doch im Grunde ist der Tango ein Franzose, der seinenWeg zunächst aus Paris auf die andere Seite des Ozeans fand; in Europa als zu lasziv verpönt. Erst sein grandioser Erfolg bei den Argentiniern machte ihn auch in Europa wieder zum angesagten Modetanz.

Tango ist Wehmut, die man tanzen kann

Irgendjemand hat einmal gesagt: „Tango ist Wehmut, die man tanzen kann.“ Und treffender kann man dieses ureigene argentinische Lebensgefühl, das so viel mehr als bloß ein Tanz ist, kaum beschreiben. Der Tango ist ein Mythos und so ist auch seine Entstehungsgeschichte ein Mysterium, um das sich viele Geschichten ranken. Fest aber steht, dass in ihm die verschiedensten Nationalitäten zu einerMelodie verschmelzen, die Candome-Trommeln der Farbigen, kubanische Habaneras, madrilenische Couplets und wieder etwas Europäisches: ziehharmonikaartige Bandoneons, eine Erfindung aus Berlin…
Nur zusammen ergeben sie ein rhythmisches Ganzes, das die so sehr bewunderten Beine der Tänzer auf einen weichen Klangteppich betten.

Tango - ein Mythos

Musik mit „Zigeunerinstrumenten“ Flöte, Geige und GitarreObwohl der Tango Argentino etwas ureigen Argentinisches ist, erzählt ein Entstehungsmythos von Einwanderern aus dem süd- und osteuropäischen Raum, die, statt der viel lieber gesehenen angelsächsischen Fachkräfte, das Land am Rio de la Plata überfluteten. In ihrer Not bilden sich musikalische Trios mit den „Zigeunerinstrumenten“ Flöte, Geige und Gitarre, die zum Geldverdienen durch die zwielichtigen Bars in La Boca zogen – und nicht ahnten, dass sie Musikgeschichte schrieben.
Die ersten Zeilen zum Tango Argentino, der allen Schmerz, alles Leid und Heimweh, aber auch Leidenschaft und Erotik in seinen Takten vereint. Aus Kiosken, in Geschäften, im Taxi – in Buenos Aires sind sie allgegenwärtig.

Tango - erst verpönt, dann geliebt

Wer nach Buenos Aires reist, um dort aus der ersten Reihe den besten Blick auf die Beine zu haben, staunt womöglich sehr, dass sich viele der zwielichtigen Etablissements nur unwesentlich verändert haben. Es gibt in Buenos Aires‘ versteckten Vierteln Tangosalons in Sporthallen, Lagerhäusern oder verrauchten Kneipen. Es sind die Sehnsuchtsorte der Einheimischen, in die sich nur selten ein Tourist verirrt, wo der Tango aber eben nicht nur ein Tanz, sondern nach wie vor ein Lebensgefühl ist. Eines, das Hitze, dicker Luft und schummriger Beleuchtung zum Trotz so mitreißend ist, dass dieTänzer alles um sich herum vergessen. Das so innig und intim ist, dass KaiserWilhelm II diesen anrüchigen „Schiebe- undWakkeltanz“ per Gesetz für seine Offiziere verbieten ließ.
Volle KonzentrationUnd doch war der Siegeszug des Tango auch im kriegsgebeutelten Europa nicht mehr aufzuhalten, wobei die europäische Variante feste Regeln kennt. Der echte Tango Argentino aber ist eine Gefühlssache, in dem nichts vorhersagbar ist, in dem die Tanzpartner auf geheimnisvolle Weise den nächsten Schritt spüren.
Ganz egal wo, ob in der Hafenkneipe oder im Ballsaal eines Grandhotels: Der Tango Argentino scheint mit jedem Takt durch die Porteños zu pulsen und ist letztlich auch der Herzschlag dieser Stadt. Wo und wie auch immer er genau entstanden ist, spielt keine Rolle mehr.

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