Südindien intensiv

Eine zweiwöchige Reise hat mich und meinen Mann von einer Küste zur anderen quer durch Südindien geführt. Durch Kerala und Tamil Nadu ging es, von Kochi in die Backwaters, durch die Cardamon Hills, in die Tempelstadt Madurai, nach Chettinad, Thanjavur und Chennai.
Orte, die ich bestenfalls nur vom Namen her kannte und die ich endlich mit Leben, Bildern, Inhalten und Eindrücken füllen wollte.

Ostern im christlich geprägten Kochi

Fischen nach chinesischen Methoden in KochiKerala ist der Bundestaat Indiens mit dem höchsten Bildungsgrad und den wenigsten Analphabeten. Erstaunlicherweise ist er überwiegend christlich geprägt und hat seit vielen Jahren eine kommunistische Regierung (wahrscheinlich die letzte funktionierende kommunistische Regierung überhaupt).

Es ist das Osterwochenende, die Menschen tragen ihre beste Kleidung und versammeln sich wie bei uns in ihren Gemeinden zur Messe. An Karfreitag bleiben auch in Kerala die Läden geschlossen, wir laufen durch leergefegte Straßen und bewundern die wunderschöne Osterdekoration in den zahlreichen Kirchen.

Die hübsche Altstadt lässt sich gut zu Fuß erkunden. Besonders lohnenswert ist ein Besuch auf dem Fischmarkt, der stets reich gefüllt ist, denn in Kochi haben Chinesen das traditionelle Fischen mit großen Netzen von Land aus eingeführt.
Und man spürt in vielen Facetten, dass die Stadt schon seit Jahrhunderten von europäischen und asiatischen Kulturen geprägt wurde – eine ganz besonders reizvolle Mischung mitten in Südindien, wie ich finde.

Im Hausboot durch die Backwaters

Der ''Kommandostand'' unseres Hausbootes - ein SonnenschirmWeiter führte uns unsere Reiseroute in die legendären Backwaters, ein gigantische Kanalsystem, das man am besten mit einem traditionellen Hausboot bereist.
Üppig grüne Palmen säumen die Kanäle, fruchtbare Landschaften ziehen vorüber und all das in Begleitung einer überaus leckeren indischen Küche an Bord.

Eine kleine Verschnaufpause von zwei entspannenden Tagen im indischen Hinterland. Bergfrische in Thekkady Unsere Nächste Etappe führt in Serpentinen durch dichtes Grün in die Berge hinauf.

Als wir in einem kleinen Lokal (eher ein Kiosk) mit herrlicher Terrasse und Blick über die Berge und Täler Halt machen, begrüßt uns eine Familie auf der Durchreise, die ebenfalls Kaffee trinkt.
Das kleine Kind guckt uns aus schwarz bemalten Augen an.

Ob das eine Art Aberglaube ist frage ich? „Nein“, lacht die Mutter, „das schützt die Augen vor Staub!“ Und die drei schwarzen Punkte halten das Böse fern. Es scheint zu wirken, das Kleine kuschelt sich zufrieden an seine Mutter, während sein Vater Selfies mit meinem Mann macht.

In Thekkady, kurz vor der Grenze zum Nachbarstaat Tamil Nadu, ist das Klima so angenehm frisch, dass man sogar ohne Klimaanlage auskommt.
Und: Ich werde den Geschmack von Kardamom nie wieder vergessen! In keinem Gericht oder Kaffee, das man in Thekkady bekommt, fehlt hier dieses unvergleichliche Gewürz!

Bisher kannte ich nur die länglichen, mattgrünen Kardamom-Kapseln aus dem Gewürzregal. Dass die Samen aber an zierlichen, langblättrigen Pflanzen aus der Familie der Ingwergewächse reifen, erfahre ich bei einem Besuch im Gewürzgarten.
Beeindruckender als die Welt der vielen Gewürze ist das friedliche Nebeneinander vieler verschiedener Religionen. Das bestätigt auch unser Guide: „Ich bin Muslim, aber ich mag die christlichen Feiertage sehr! Hier leben Menschen mit vielen verschiedenen Religionen, ich habe Freunde, die Muslime sind, Christen und Hindus. An den Feiertagen wird jeder eingeladen und bekocht. Das ist toll, so haben wir viel zu feiern, Meine eigenen Feiertage mag ich also nicht so sehr, da muss ich dann kochen“, lacht er.

Tamil Nadu – Straßensperren für das Wasser

Auch im Bundesstaat Tamil Nadu sind die Shops geschlossen und nur wenige Menschen auf der Straße. In der ersten Stadt, die wir auf dem Weg dorthin passieren, stehen wir sogar im Stau, weil die Straßen gesperrt sind und überall rot-schwarze Fahnen wehen.
Aber diesmal nicht wegen Ostern!
Es finden dieser Tage viele politische Kundgebungen statt; das Problem ist Wasser. Die Menschen in Tamil Nadu leben überwiegend von der Landwirtschaft und das dafür benötigte Wasser, das aus dem Nachbarstaat Karnataka kommt, soll dort künftig für ein Wasserkraftwerk angestaut werden – und fehlt unterhalb auf den Feldern.

Madurai – wo Gott Shiva zu Bett gebracht wird

In Madurai, einer der ältesten Städte Südostasiens, erleben wir etwas Magisches! Bei einer Nachtzeremonie im Meenakshi Amman Kovil Tempel wird der Gott Shiva von seinem „Arbeitsplatz“ nach Hause zu seiner Frau Meenakshi gebracht. Und bevor er zu Bett gehen kann, waschen die gläubigen Hindus der kunstvoll gearbeiteten Statue die Füße.
Hindutempel in Madurai Mittagspause in MaduraiDas alles passiert mit feierlichem Ernst und immer mehr Menschen drängen sich heran, während seine Sänfte von einem Schrein zum anderen getragen wird, begleitet von Musik und Rauch. Exotik pur!

Chettinad – Schatzkammer indischer Architektur

Die Chettiars, eine Kaste von reichen Kaufleuten, bauten im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts tausende Paläste mit architektonischen Einflüssen aus dem Orient und dem Okzident und mit Hilfe der erlesensten Baumaterialien aus der ganzen Welt.

Begegnung in ChettinadHier zeigt uns unsere Reiseführerin Kavathi ihr Lieblingshaus, ein Hotel, in dem es besten Kaffee (natürlich mit Kardamom!) gibt und ihren liebsten Tempel.

Bevor ich nach Chettinad kam, hatte ich kaum eine Vorstellung, was mich dort erwartet. Die alten Kaufmannshäuser sind zum Teil sogar noch bewohnt, zum Teil aber in einen tiefen Dornröschenschlaf gefallen – eine faszinierende, märchenhafte Mischung!

Thanjavur – Englisch für Anfänger

Unterwegs in die Hauptstadt des Reisanbaus im Cauveri-Flussdelta bleiben wir mal wieder im Verkehr stecken. Aber weder wegen Ostern noch wegen Streiks, sondern wegen einer Prozession zum Tempelfest.

Weil eine weibliche Göttin gefeiert wird, strömen vorwiegend Frauen zum Tempel. Ein malerisches Bild, wie sie Opfergaben auf den Köpfen balancieren, um damit eine bessere Arbeit oder einen guten Mann von der Göttin zu erbitten.
Sehr befremdlich: Einige Frauen haben sich dicke Metallnadeln durch die Zunge getrieben! Wir wissen gar nicht, wohin wir zuerst schauen sollen, so bunt, so fremd und ein wenig verstörend wirkt die Szenerie …

Im Palast-Museum von Thanjavur erwartet uns dann eine sympathische Begegnung in Gestalt einer Schulklasse. Schüchtern fragt uns der Lehrer, ob es in Ordnung wäre, wenn die Kinder mit mir reden? Sehr gerne!
Und schon werde ich bestürmt, jeder möchte mir die Hand geben und seine zwei Sätze auf Englisch sagen: „How are you? What is your name?“ um dann kichernd in der Menge zu verschwinden.

Spannende Diskussion auf dem Weg nach Chennai

Sogar auf Deutsch werden wir angesprochen! Und zwar am Flughafen Trichy, während wir ins Flugzeug nach Chennai steigen. „Kommen Sie aus Deutschland?“, fragt uns plötzlich eine Stimme. Sie gehört einem jungen Mann aus Tamil Nadu, der an der an der Universität Freiburg im Bereich Bioethik und Stammzellenforschung habilitiert.

Sein Thema: „Menschenwürde in den Weltreligionen“, er selbst ist katholischer Priester. Eine spannende Diskussion entbrennt darüber, wann Leben und Würde beginnen – und über die wir fast unser Gepäck am Gepäckband in Chennai vergessen!

Chennai – Entspannter Ausklang am Golf von Bengalen

Im wunderschönen eleganten Leela Palace in Chennai lädt uns die junge Hotelangestellte aus der Verkaufsleitung zum Mittagessen ein. Schnell tritt das geschäftliche in den Hintergrund. „This was a love marriage?“ fragt sie uns. Das gibt es mittlerweile auch schon in Indien. Eine Cousine von ihr hat einen Amerikaner geheiratet. Ja es ist möglich, aber mit der Familie schwierig. Ihre Mutter sucht schon einen geeigneten Mann für sie.

Von hier aus blicken wir auf den Golf von Bengalen und unsere zweiwöchige Reise quer über den Subkontinent von Küste zu Küste geht zu Ende.

Das nehme ich mit von dieser Reise

Den unvergesslichen Geschmack von Kardamom natürlich! Aber auch die Erkenntnis, dass Südindien auch ohne die ganz großen Höhepunkte, wie ich sie aus Nordindien kenne, ein Schatz für Kenner ist.
Hier gibt es kein Taj Mahal, kein Amber Fort, kein Udaipur. Dafür immer wieder überraschend intensive Einblicke in Kultur, Tradition und den indischen Alltag.

Was mich auf dieser Reise aber am meisten beeindruckt hat, waren die Menschen, ihre Offenheit und ihre Geschichten, die Begegnungen, dank denen wir viel über das Leben in Südindien erfahren haben – jenseits der Sehenswürdigkeiten.