Reisebericht Japan 2019

Ich gestehe: Ich bin keine große Kunstkennerin. Trotzdem war ich auf meiner Reise durch Japan immer wieder beeindruckt, wie kunstvoll das Land ist – und das auf so unterschiedlichen Arten. So treffen übergroße, schrille Werbetafeln auf traditionelle, alte Tempel, abgelegene, kleine Inseln auf Kunstausstellungen bekannter Künstler und emotionale Denkmäler aus der ganzen Welt auf die Überbleibsel des wohl traurigsten Tages der japanischen Geschichte…
Einen Besuch im Peace Memoral Park und dem dazugehörigen Museum in Hiroshima kann ich nur jedem empfehlen. Rund um den Atomic Bomb Dome verteilen sich kunstvolle Denkmäler aus der ganzen Welt, die an dieses schreckliche Ereignis am 6. August 1945 erinnern.
Das Museum erzählt vom Verlauf dieses denkwürdigen Tages, der Organisation der Operation, aber auch den Geschichten einzelner Menschen, die diesen Tag auf unterschiedliche Weise miterleben mussten. Ein Ort, der berührt, emotional ergreift, aber gleichzeitig auch schockiert und wachrüttelt.

Aufstieg unter Beobachtung

Nicht weit von Hiroshima entfernt liegt die kleine Insel Miyajima. Mein persönlicher Höhepunkt der Insel war nicht so sehr das berühmte rote Torii des Itsukushima-Schreins, sondern der Daishō-in Tempel etwas abseits der großen Touristenmassen. Beim Aufstieg auf den kleinen Hügel beobachteten mich Hunderte kleine Buddha-Figuren mit verschiedensten Gesichtsausdrücken – und mit winzigen, bunten Häkelmützen.
Oben angekommen, trifft man auf eine Halle mit einer ganz besonderen Atmosphäre, erleuchtet von unzähligen Laternen. Diese traditionellen Tempel mit fantastischen Gravurarbeiten, die vor Hunderten von Jahren erbaut wurden und noch immer in den schönsten Farben im Sonnenlicht leuchten, findet man im ganzen Land verteilt.

Fische aus Kleiderbügeln und Schuhen

Aber, und das ist das Besondere an Japan, auch die moderne Kunst scheint allgegenwärtig. Vor allem auf den Inseln im Seto-Binnenmeer. Eine besondere Begegnung mit Exponaten der Gegenwart hatte ich deshalb auch auf den Kunstinseln Naoshima und Teshima. Für mich war schon der kleine Rundgang im Hafen von Uno, dem Tor zum Seto-Binnenmeer, beeindruckend! Bereits dort beginnt die „Ausstellung“ mit Werken unterschiedlicher Künstler.
Besonders beeindruckend: die riesigen und bunten Fische aus Gegenständen, die der Künstler zusammen mit Einheimischen aus dem Meer gefischt hat. Bei genauem Betrachten lassen sich Kleiderbügel, Plastikdosen, Kinderschuhe, Plastikmüll und verschiedene Spielzeuge ausmachen. Gerade angesichts der hochbrisanten Meeresmüll-Problematik ein tolles Projekt, das Einheimischen, aber auch Besuchern aus der ganzen Welt noch einmal die Augen öffnet!

Kunst am (und im) Bau

Weiter ging meine Kunstreise mit der Fähre zur kleinen Insel Naoshima, auf der die verstreut liegenden, traditionellen Häuser Kunstgalerien beherbergen – jede mit einer anderen Ausstellung unterschiedlicher nationaler und internationaler Künstler. Selbst auf den Weg durch die engen Gassen sollte man Ausschau nach Kunst halten: Denn jeder Einheimische definiert Kunst für sich auf eine eigene Art of Weise und versteckt diese kleinen Elemente der Kunst in seinem Vorgarten oder an der Hauswand.
Am nächsten Tag ging es für mich – abermals per Fähre – weiter zur Insel Teshima. Von allen Inseln blieb mir diese am nachhaltigsten in Erinnerung! Im Einklang mit der üppigen, grünen Natur, zwischen malerischen Reisfeldern, versteckt sich dort ein wahrer Schatz für Kunstliebhaber: das Teshima Art Museum, das sich wie ein weißer Betontropfen an den Rand der Steilküste anschmiegt.

Das Innere verzaubert mit einer ganz eigenen Art von „Kunst“. Der Kunst, den Besucher sofort zum Innehalten zu bewegen in einer ungeahnt friedvollen Atmosphäre, hervorgerufen durch natürlich gebildete Wasseransammlungen, die wie Tau von der Decke tropfen und glitzernde Rinnsale bilden.
Architektur, Lichteindrücke, Regenwasser – sie alle sind Teil der Ausstellung, während man den Geräuschen der Natur lauscht und merkt, wie sämtliche Anspannung beginnt abzufallen.

Die hohe Kunst des Zugfahrens – Pünktlichkeit!

Doch für uns Mitteleuropäer, die täglich im Gedränge des Berufsverkehrs in überfüllten und oft unpünktlichen Bahnen unterwegs sind, liegt die wahre Kunst Japans in seinem Zugverkehr: Ein solch geordnetes und funktionierendes System kann ich mir für Deutschland nur wünschen!

In Japan erreicht man den Bahnhof, sieht bereits auf dem Ticket, wann man sich an welchem Bahnsteig einfinden muss, um dort auf den tatsächlich auf die Sekunde pünktlichen Zug zu warten – ein absoluter Traum für deutsche Zugfahrer wie mich!

Ihre Rica Thies