Havanna – Faszination oder einfach nur Frustration?

Viele denken: Havanna, diese charmante Stadt, wird sukzessive von den Leuchtreklamen amerikanischer Fastfood-Läden erobert und jede Ecke erstrahlt in völlig neuem Glanz. Und es wird erzählt, die Stadt entwickelt sich zum neuen Lieblingsziel der US-Amerikaner…

Um herauszufinden, ob das stimmt, führte mich der Weg vor wenigen Wochen nach meinem letzten Besuch vor drei Jahren zurück in mein liebgewonnenes Havanna. Nach all den vielen Änderungen seit Aufhebung oder eher Lockerung des Embargos und nur wenige Tage nach dem Hurrikan Irma, der auch Kuba heimgesucht hat.
Ausführliche Informationen zur Situation auf den Karibikinseln nach den Hurrikans finden Sie hier.

Um ehrlich zu sein: Ich wusste nicht, was mich nun wirklich in „meinem“ Havanna erwarten würde…
Ich war tatsächlich sehr verunsichert, ob der alte, morbide Charme dieser Stadt überhaupt noch existiert und wie sich zwischenzeitlich alles verändert hat.

Eine Stadt, die Fragezeichen aufwirft

Diese Neugierde und auch der Wunsch, nach dem Hurrikan als Gast etwas Gutes für den Tourismus und die Menschen dort zu tun, motivierten mich in diesen Tagen, meine Reise in eine Stadt anzutreten, die von Hurrikan gezeichnet war und die auch ohne Irma viele Fragen und Zweifel aufkommen lässt…
Marodes trifft…. …auf RenoviertesDiese Stadt wirklich authentisch mit Worten zu umschreiben ist schwierig bis unmöglich. Denn was Sie in Havanna erwartet, ist einzigartig und es liegt im Auge und der Offenheit des Besuchers, was er in ihr sieht. So nah liegen in Havanna Schönheit, Zerstörung, Hässlichkeit und der Wunsch, alles wieder hübsch zu machen, nebeneinander.

Man spürt die Schönheit der Vergangenheit an vielen Ecken und nimmt diese zum einen glückselig und auch wieder völlig entnervt wahr. Es ist durchaus nicht immer ein erquickendes Erlebnis, bei 34°C durch die wenig herausgeputzten Nebengassen zu schlendern, in denen einem der Gestank überfüllter Mülltonnen nicht mehr aus der Nase weichen will!
Es ist die hässliche Seite dieser Stadt, die es immer geben wird und vielleicht auch muss…

Von freundlichen Menschen, Schlitzohren und skurrilen „Geschäftsideen“

Neugierige, freundliche Kubaner aber natürlich auch kleine Schlitzohren, die an vielen Straßenecken auf uns Touristen warten, um ein „kleines Geschäft“ zu machen, finden Sie überall. Viele möchten wirklich nur stolz „ihr“ Land präsentieren, andere wittern in der Beliebtheit ihrer Stadt aber auch neue Geschäftsideen. Zum Beispiel, indem sie einfach nur Empfehlungen für Restaurants aussprechen oder Ihnen kleine „Insidertipps“ verraten – und dafür im Nachgang einen kleinen Obolus in Form der „starken Währung CUC“, die eigentlich nur die Touristen besitzen, erwarten.
Unterwegs in Nebengassen… …finden sich Restaurant-SchätzeAuffällig aber ist: Egal wie die teilweise stark beschädigten Häuser auch von außen wirken, ein Blick durch die Fenster zeigt stets blitzeblank geputzte Böden und nie habe ich einen Kubaner getroffen, der nicht ordentlich und mit frisch duftender Kleidung unterwegs war.

In ungewöhnlichen Transportmitteln auf Erkundungstour

Wirkliche Kriminalität habe ich in Havanna nie erlebt. Sogar abends kann man sorglos durch die Straßen schlendern, sich von einem der Bici-Taxis zu einem Restaurant fahren lassen (sofern man den Preis vorher gut verhandelt!) und den Menschen auch bis zu einem gewissen Maße Vertrauen schenken. Selbst die für mich eher gewöhnungsbedürftige Art, mit einem der Sammeltaxis, „Collectivos“ genannt, zu fahren, ist kein Problem.
Auch, wenn es sich bei dem Gefährt um einen über 40 Jahre alten Lada, der nur noch aus einem Metallgehäuse mit sehr dürftiger bis nicht vorhandener Innenausstattung besteht, oder bei etwas mehr Glück um eines der Classic Cars handelt…
Per ''Collectivo'' durch Havanna Typisch Havanna - ZigarrenlädenDoch all das macht das Entdecken Havannas zum echten, authentischen Erlebnis und bestätigt: Man trifft ehrliche und offene Menschen und kommt sogar in den Genuss einer durchaus interessanten Unterhaltung über deren Lebenssituationen. Dies waren teilweise sehr spannende „Taxifahrten“…

Kultur, hervorragende Gastronomie & überraschende Locations

Kurzum: Kuba hat sich in den letzten Jahren keinesfalls zum Negativen oder zur Retortenstadt entwickelt! Sehr vieles ist noch so, wie es bereits vor vielen Jahren war und dennoch stellt man an manchen Ecken fest, dass sich dieses Land durchaus weiterentwickelt und schon an manchen Ecken „kosmopolitischere" Züge angenommen hat.
Stolze ''Classic Car''-Besitzer Beste Drinks in La BodeguitaMit Offenheit, Neugierde, Kreativität und natürlich mit dem nötigen Netzwerk versuchen nun viele junge Menschen in der Stadt etwas zu bewegen und ihre eigene Existenz aufzubauen. Einige strampeln sich ein wenig frei vom Kommunismus und eröffnen fantastische Restaurants mit Dachterrassen und Bars, die mich tatsächlich faszinieren und mich schnell in eine andere Welt eintauchen ließen.
Es ist sogar ein regelrechter Wettbewerb um „das beste Restaurant“ entstanden…

Blick von der Dachterrasse des Gran Hotel Manzana Kempinski La Habana

Kleine Abstriche – die Havanna allerdings vielfach wieder wettmacht


Auch nach dieser Reise bleibe ich bei meiner Meinung: Luxusreisende müssen selbst im besten Hotel der Stadt noch kleine Abstriche machen und die Gegebenheiten innerhalb des Landes erfordern doch ein größeres Maß an Verständnis und Geduld. Doch für jeden, der bereit ist, eine Stadt mit Geschichte, Vergangenheit und Gegenwart im Wandel hautnah mitzuerleben, ist Havanna bereit.

Mein Tipp für einen gelungenen Ausklang einer Kuba-Reise: ein paar entspannte Badetage auf den benachbarten Bahamas, weil Strandhotels auf Kuba derzeit noch weit entfernt von einem internationalen 5-Sterne Standard sind.

Die Faszination Kubas oder vielmehr Havannas wird meiner Meinung nach nie in der Vollkommenheit liegen.
Und gerade deshalb ist es wohl geradezu unmöglich, aus dieser Stadt eine neue Retortenstadt á la Disneyland zu machen – und das ist gut so!

Havanna mi amor? Das bleibt mein Geheimnis und das dieser Stadt. Man kann es kaum umschreiben… Finden Sie es für sich heraus, es lohnt sich!