Zwischen Genie und Wahnsinn

An Ge- und Verbote hielt er sich schon in seiner Jugend nicht, erkundete als Zuschauer von Sektionen den menschlichen Körper und bot sein Leben lang Fürsten und Päpsten die Stirn: Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simoni. Dass er nicht vor Gericht landete, verdankte er wohl ausschließlich seinem Genie, das erst unter Extrembedingungen seine volle Größe offenbart.

Ein Genie, dessen fast wahnwitziger Perfektionismus und gestalterischer Größenwahn bis heute auf die jährlich abertausend Besucher der Sixtinischen Kapelle herunterblickt. Ein Werk, das so vielleicht nur entstehen konnte, weil Michelangelo wütend war. Richtig wütend.

Im Auftrag des Papstes

Gegenstand seiner Wut war Papst Julius II, der ausgerechnet diesen begnadeten Rebellen auswählte, um sich ein dreistöckiges Mausoleum im griechischen Stil aus reinstem, weißen Marmor erschaffen zu lassen. Der Vertrag zwischen Papst und Künstler: 40 Marmorstatuen, in denen Michelangelo endlich seine ganze Sehnsucht, den Menschen perfekt in Stein zu bannen, derWelt zeigen konnte. Er brannte mit der Ungeduld eines Dreißigjährigen, ließ tonnenschwere Marmorblöcke aus den Bergen Carraras brechen, doch Unwetter verzögerten die Lieferung um acht Monate. Zeit genug, damit sein stärkster Konkurrent Donato Bramante, der mächtigste Mann im künstlerischen Hofstaat des Vatikans, Zweifel an der Finanzierung des Bauwerks sähen konnte. Das Projekt wurde abgesagt, Michelangelo tobte und verschwand nach Florenz.

Auf geradezu unwürdiges Bitten Julius II kam der verstimmte Künstler zurück, um erneut auf einen Stolperstein seitens Bramantes zu treffen: Dieser flüsterte Julius II die Idee ein, den ach so großen Michelangelo doch einmal ein Fresko malen zu lassen – der Papst war begeistert!

Zwölf Apostel sollten die 1.000 m² große Decke der Sixtinischen Kapelle zieren, Michelangelo, in der perspektivischen Freskomalerei kaum geübt und von den Ereignissen verstimmt, begegnete diesem Druck möglicherweise mit Trotz und einem versteckten Rachefeldzug. Gegen Bramante, den Papst und den verlorenen Traum vom Julius-Tempel. In manischer Genauigkeit ließ er sich die Freskomalerei lernen und entließ kurz darauf alle, bis auf einen Gehilfen zum Farbenmischen.

Ein Bilderkosmos der Schöpfungsgeschichte

Doch zwölf Apostel waren ihm zu wenig, in schöpferischer Rache bannte Michelangelo genau 40 Figuren an die Decke der Sixtina. Statt in Marmor, schuf er einen rebellischen Bilderkosmos der Schöpfungsgeschichte, in dem er Adam nach der verbotenen Frucht greifen lässt, dem Propheten Joel Bramantes Gesichtszüge gibt und mit der Nacktheit der Figuren so manchen Kleriker brüskierte. Vier Jahre lang verbrachteMichelangelo Tag und Nacht liegend auf einem deckenhohen Gerüst, Farbe tropft ihm schmerzhaft in die Augen und doch malte er jedes noch so unbedeutende Detail mit einer an Fanatismus grenzenden Akribie bis zur vollkommenen Erschöpfung. Erst, wer dasWerk auf einer privaten Führung ohne fremde Besucher bewundert, erfasst es in seiner vollen Bedeutung und Tiefe. Den Kopf in den Nacken gelegt mit einer Ahnung von den Schmerzen, die der Künstler selbst wohl auf sich nahm, sieht man mehr als nur ein Meisterwerk. Womöglich ist die Decke der Sixtina auch Michelangelos zum Fresko erstarrte und dennoch so lebendig wirkenden Rache…