Trutzburg der Sonnensöhne

Bescheidenheit war ihre Sache nicht. Als „Söhne der Könige“, ja sogar als „Söhne der Sonne“, bezeichneten sich die Rajputen. Ein altiranisches Volk, das im 6. und 10. Jahrhundert im heutigen Rajasthan einwanderte. Fast unbehelligt übernahm dieses Volk das fremde Land, ihr Ruf als Krieger und höchst reizbare Herrscher ließ alle erzittern. Welcher Clan ist der Älteste, hat die ruhmvollste Vergangenheit, wer stammt tatsächlich vom König der Sonne ab? Der Wettstreit der Rajputen untereinander mag heute kindisch erscheinen, damals war er todernst.

Auch dem Rajputenführer Roa Jodha war es bitterernst, als er 1459 die nach ihm benannte Stadt Jodhpur als Zentrum seines Königreichs Marwar im heutigen Rajasthan gründete und sie mit einer bis heute einschüchternden Festung bewehrte: dem Mehrangarh Fort.

Schwindelerregend ragt das Fort in den HimmelEin gigantischer Felsklotz als Zentrum der Macht

Im 21. Jahrhundert gibt es nicht mehr viele Bauwerke, die den an Wolkenkratzer und Megastädte gewöhnten Menschen beeindrucken können. Dieses weit über 500 Jahre alte Bollwerk ist garantiert eines! 123 Meter hoch ragt ein Felsklotz aus der ansonsten brettebenen, flirrendenWeite Rajasthans, glühend rot und uneinnehmbar. Daraus wächst, nahezu übergangslos, Mehrangarh.
Sieben eisenspitzenbewehrte Tore durch sechs Meter dicke Sandsteinmauern ließen jeden Angriff schon im Vornherein scheitern, das Gewirr aus ehrfurchteinflößenden Palästen und bedrückend umschlossenen Innenhöfen wäre auch heute kaum einnehmbar.

Feinziselierte Schnitzereien als KontrastDas Faszinierendste liegt im Detail verborgen

Jeder Rajputenprinz, jeder König hat das Mehrangarh Fort nach seinen Vorstellungen erweitert, aufgestockt, noch bedrohlicher gemacht, um den stillen Wettkampf um Ehre und Anerkennung zu gewinnen. Doch das wohl Faszinierendste an diesem roten Bollwerk über der blauen Stadt Jodhpur liegt im Detail verborgen.
Besser: Im Abermillion winzigster, filigranster Schnitzereien, die in kaum zählbaren Arbeitsstunden dem massiven Sandstein entlockt wurden.Wüsste man es nicht besser, könnte man die fein ziselierten Gitter vor den prunkvoll verzierten Balkonen, die lebensechten Figuren und die märchenhaften Blütenranken für hölzern halten.

Die Rajputen-Herrscher waren sehr verschwenderischMiniaturmalerei & tonnenschwere Holzdecken

In dieser Trutzburg, die über hundert Kilometer hin sichtbar als Fixpunkt dient, finden sich die wohl beeindruckendsten Beispiele für Miniaturmalerei, elfenzarte Glaskugeln taumeln unter tonnenschweren Holzdecken, Pinselstriche fein wie ein Haar hauchen denWandgemälden Leben ein. Weltweit gibt es wohl kaum ein historisches Bauwerk mit vergleichbaren Extremen. Der Wettstreit um das Beste, Schönste, Teuerste, Größe unter den Rajputen- Herrschern hat uns das bedrohliche Mehrangarh Fort beschert, das man erst auf den zweiten Blick als das sehen kann, als was es gebaut wurde: Als liebe- und kunstvoll erbaute „Festung der Sonne“.