Sing mir das Lied von Freiheit

Im Klappentext von Miles Davis legendärem Album “Kind of Blue” wird gewarnt: Wer diese Musik höre, für den werde sie fortan ein "unentbehrlicher Bestandteil seines Lebens" sein. Tatsächlich handelt es sich bei Jazz nicht einfach nur um eine Musikrichtung, entstanden aus der jahrhundertelangen Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung Nordamerikas.

Jazz - die erste eigene Musikrichtung auf amerikanischem Boden

Jazz ist die musikgewordene Geschichte von Schwarzen und Weißen, Unterdrückung und Bewunderung, Leid und Freiheit. Der Heimat entrissen, auf Schiffe gepfercht und im Land von George Washington und der Unabhängigkeitserklärung an Land getrieben, begann die Geschichte der Schwarzen auf US-amerikanischem Boden als menschenunwürdiges Leben auf den Baumwollfeldern der Südstaaten. Und mit ihr begann auch die Geschichte des Jazz, der ersten eigenen Musikrichtung, die auf amerikanischem Boden entstand.

Ein Händchen für den RhythmusEin Lied zur Verständingung

In Kolonnen arbeiteten sich ganze Sklavenheere durch den steinharten Boden ihrer Herren, einen dumpf-pulsierenden Rhythmus im Herzen, der sich in ihren „worksongs“ materialisierte und der die einzige Möglichkeit der Kommunikation unter den strengen Augen der Aufseher war. Darunter oft spirituelle Lieder, die zumWohlwollen der weißen Grundherren den Arbeitstakt beschleunigten und effizienter machten. Für sie waren die schwarzen Sklaven nur Tiere, in jenen aber sang die Menschlichkeit von Leid, aber auch Freiheit in diesem oder im nächsten Leben.

Der Weg des Jazz nach Norden

Keiner weiß, wie viele Sklaven sich über Schleuser heimlich auf denWeg in den Norden der Staaten machten, wo 1865 mit Ende der Sezession auch die Sklaverei offiziell abgeschafft wurde. Ein oberflächliches Trugbild, unter dessen Oberfläche vor allem im Süden Schwarze verfolgt und gehenkt wurden, vom ach so liberalen Norden scheinheilig gebilligt, von den Südstaatlern trotz neuen Gesetzen offen propagiert.
Bizarre Umstände, die in burlesken Minstrel Shows umgesetzt wurden: Weiße äfften Schwarze nach, Schwarze imitierten Weiße beim Nachahmen von Schwarzen – ein verzweifelter Versuch, die farbigen Mitglieder der Gesellschaft zu integrieren und die Faszination an der fremden Kultur auszuleben. Die einzigen Schwarzen, die weitgehend nach ihren Vorstellungen abgekanzelt von dieser ungerechten Gesellschaft leben konnten, waren die Musiker. In die zwölf Takte ihrer schlichten, rauenMelodien packten sie die ganze Hoffnungslosigkeit der Sklavenemanzipation. Eine Musik, die trotz ihrer Einfachheit die Kraft hatte, große Emotionen zu wecken – den Blues. Lange blieb diese „Sklavenmusik“ im Verborgenen der ländlichen Regionen des Südens, bis sie New Orleans erreichte. Eine Stadt, in der auf Beerdigungen getanzt wurde und wo sich seit 100 Jahren kreolischeTrommeln, spanische Gesänge und verschiedenste Ethnien im schwülen Mississippidelta mischten.

Jazz-Legenden

Einer der wohl größten Virtuosen des Blues nannte sich Buddy Bolden, ein Schwarzer mit dem großen Talent, den rauen Blues durch raffinierte Variationen in die großen Ballsäle zu bringen. Buddy Bolden war ein Pionier, der New Orleans die Schönheit des Blues lehrte und ihm einen neuen, rüderen und spontaneren Stil verlieh – und den Grundstein für den Jazz legte. Vulgär, skandalträchtig, von zweifelhafter Herkunft und von einem Jungen aus dem Rotlichtmilieu von New Orleans zum Soundtrack der 20er Jahre erhoben. Sein Name: Louis Armstrong. Schelllackplatten und Radio trugen den Jazz nach Europa, Paris, London, Berlin, aber auch New York und Chicago feierten die Nächte durch, die schwarzen Jazzer wurden zu den heimlichen Herrschern über die weißen Tänzer. Wer im weltbekannten „Cotton Club“ in Harlem zu Duke Ellingtons Jazz-Varianten tanzte, war mitten im Geschehen der „Roaring Twenties“.

Black Power und der Jazz

Selbst die Jahre der Depression konnten dem unkonventionellen, emotional geladenen Jazz nicht den Garaus machen und er übernahm die Aufgabe, einer angsterfüllten Nation wieder Mut zu machen und breitete sich explosionsartig aus.Wieder war es der Jazz, der diesmal jenseits der Baumwollplantagen der Südstaaten zur gesungenen Durchhalteparole für ganze Gesellschaftsschichten wurde. Der Jazz als swingendes Rettungsfloß einer immer wieder unterdrückten und diskriminierten schwarzen Gesellschaft in den USA zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte, ist auch das gesungene Sprachrohr der Generation des Malcom X, die kein Blatt mehr vor den Mund nimmt und mit „Black Power“ offen und laut für Gleichberechtigung kämpft.

Jazz ist aber auch der rote Faden, der sich seit Entstehung der ersten ureigenen US-amerikanischen Musikrichtung durch die Clubs, Kneipen, Theater und Bühnen vor allem von New York, Chicago und New Orleans zieht. Wer auf den Spuren des Jazz in diesen Städten unterwegs ist, muss die Warnung auf Miles Davis Album ernstnehmen: Wer diese Musik hört, für den wird sie womöglich wirklich ein unentbehrlicher Bestandteil seines Lebens!