Im Schweizer Schlaraffenland

Als ich das erste Mal im Engadin war, all diese uralten, dunklen, ein bisschen unheimlichen Bauernhöfe sah, kam ich mir vor wie im Schweizer „Tatort“. Auch bei meinem letzten Besuch im Gebirgsort Ftan war es wieder da. Dieses Gefühl, in ein anderes Zeitalter gefallen und plötzlich in einem Teil der Alpen zu sein, wo das Leben bis heute hart ist. Auch hatte ich mir bis zu diesem Besuch bei Meike Bambach in ihrem Paradies Hotel Ftan um die kulinarische Seite der beliebten Skiregion weniger Gedanken gemacht und ordnete das Engadin irgendwo zwischen Engadiner Nusstorte und Skihütten- Brotzeit ein.

Echt Natur: Honig aus der Wabe statt dem SchraubglasDass es hier, auf über 1.000Metern Höhe, allerdings Käse gibt, der ans britische Königshaus ausgeliefert wird, war mir neu. Gemeinsam mit meiner Gastgeberin Meike machte ich mich auf eine Genusstour durchs Engadin, die meine kulinarischen Kenntnislücken ordentlich ausstopfen sollte. Sämtliche Kleinerzeuger, die das Paradies Hotel in Ftan beliefern, öffneten (Stall-)Tür und (Scheunen-)Tor für ungewöhnliche Einblicke: auf friedliche EngadinerWeiderinder auf den steilen Almen über Scuol oder in die mehlstaubigen Kornspeicher der einzigen noch erhaltenen alpinen Doppelmühle, wo die graulockige Cilgia Florineth das uralte Müllerhandwerk fortsetzt.

Ich bin durch niedrige Holztüren in noch niedrigere Käsekeller geschlüpft, wo wagenradgroße Almkäselaibe der Perfektion entgegenreiften. Im Laufe dieses warmen Spätsommertages zeigte mirMeike Bambach, dass das Engadin nach früher schmeckt und nach Kindheit. Nach Joghurt in kleinen Schraubgläschen, in dem sich Kräuter- und Wiesenwürze wiederfinden statt Einheitsaroma. Es schmeckt nach Heumilchkäse, der aus Rohmilch gemacht wird, nach Käse riecht, und nicht in Plastikfolie schwitzt. Oder nach harzig-herbem „Betschla“, einem Hochgebirgs- Arvenzapfenlikör, der wahrscheinlich nur mit diesem Gipfelpanorama vor Augen so unvergleichlich schmeckt.

Urig-ehrliche Küche im Chasa da Fö Schlangestehen zum MelkenZu wörtlich genommenen Höhenflügen hinsichtlich Engadiner Köstlichkeiten verhalf mir auf diesem Kurztrip allerdings Sternekoch Martin Göschel in der höchstgelegenen Kochschule Europas. Im Chasa da Fö, einem ehemaligen Stall auf 2.200 Metern, war es abends an mir, mit all den regionalen Zutaten am Herd zu hantieren. Für mich ein inspirierender Anstoß, auch daheim einmal Ungewöhnliches zu kombinieren und vor allem einen Gedanken mehr daran zu verwenden, woher Lebensmittel kommen und wie sie entstehen. Heute wundere ich mich, warum das Engadin wohl den Meisten kaum über die berühmte Nusstorte hinaus ein Begriff ist. Meine kleine Reise in den urigen Schweizer Talkessel war der Schlüssel zu einer geheimen Speisekammer randvoll mit unbekannten, köstlichen, unvergleichlichen Schätzen.