Ein neues Leben für Fogo Island

Eine Insel, die selbst für neufundländische Verhältnisse weit ab vom Schuss liegt. Verdammt zu einer Existenz, für die der Kabeljaufang bei Weiten nicht mehr reicht. Eine Insel, errettet von einer Frau mit unternehmerischer Weitsicht, Liebe zu den Menschen – und von einem Designhotel

Mit der Präzision jahrzehntelanger Arbeit mit Nadel und Faden fügen sich die bunten Flicken zu einem Kilt. Langsam, bedacht und fast im Gleichklang mit der aufgepeitschten See, die an die grauen Felsen brandet. Zeit haben die Menschen hier auf Fogo Island, eine knappe Tagesreise von Neufundlands Hauptstadt St. John’s entfernt, mehr als genug.
Vor allem, seit die strengen Fangquoten die Fischertradition der Insel nahezu zum Erliegen brachten.

Zita Cobb <small>©L. Caverly </small> Zita Cobb, Lachfältchen um die Augen und mit abenteuerlustigem Kurzhaarschnitt, wuchs auf Fogo Island auf. Ihr Vater war Fischer, wie alle Männer dort. Als 14-Jährige musste sie ihre Heimatinsel verlassen, weil ihre Eltern vom Kabeljaufang nicht mehr leben konnten. Zita studierte Wirtschaft in Ontario und stieg höchst erfolgreich in die Glasfaseroptikindustrie ein.

Ein ebenso krasser wie weiser Entschluss

Doch Fogo Island und der Überlebenskampf seiner Bewohner verfolgte sie bis aufs kanadische Festland und 2001 fasste die Unternehmerin einen ebenso krassen wie weisen Entschluss: Sie wollte nicht länger zusehen, wie die über Jahrtausende gewachsene Fischereikultur ihrer Heimat starb – und die Menschen mit ihr.
Und Zita Cobb tat das, was ihr wohl genetisch mit in die Wiege gelegt wurde: Sie half, weil Zusammenhalt unter den widrigen Bedingungen von Fogo Island alles ist – manchmal auch entscheidend über Leben und Tod. Zita Cobb ließ sich Aktienoptionen im Wert von etlichen Millionen Dollar auszahlen und kehrte nach über 30 Jahren zurück. Um Fogo Island ein Denkmal zu setzen, das hypermodernes Design, uralte Handwerkstradition und neue Lebensperspektiven in sich vereint.

Bootsbauer und Hausfrauen werden zu Designern

Fast unwirklichZunächst entstanden vier futuristische „Fogo Island Arts“-Ateliers für Künstler, die Abstand und Inspiration in der rauen Schönheit Neufundlands finden. Und Zita Cobb baute ein Gästehaus nach den Plänen des in Neufundland geborenen Architekten Todd Saunders. Ein aufsehenerregendes Designhotel mit 29 Zimmern.
So der erste Eindruck.
Doch das Fogo Island Inn ergibt sich aus vielen kleinen Einzelteilen, so wie die bunten Kilts, die die Frauen des Dorfes für jedes Zimmer nähen. Bootsbauer, seit der reglementierten Fangquote nahezu arbeitslos, ließen ihre Hände wieder über honiggoldenes Holz fliegen, so, wie es bereits die ersten Siedler vor 500 Jahren beherrschten. Sie zimmerten Säulen nach dem Vorbild ihrer Bootsschuppen und entwarfen Seite an Seite mit Designern den legendären „punt chair“, der es bereits ins Musée National des Beaux-Arts du Québec schaffte.

Hausfrauen, Fischer, Bootsbauer… Jeder auf der Insel kann heute ein Community Host für die Gäste des Inns sein und das machen, was er am besten kann: Mit der so typischen Fogo Island-Art zwischen scheuer Zurückhaltung und offener Herzlichkeit über das 254 km² kleine Eiland führen.
Dabei eröffnet sich nicht nur eine steinige, flechtengraue, windgepeitschte Schönheit im glasklaren Licht, sondern auch ein Zugang zu jenen Menschen, die zaghaft auf ein neues Leben jenseits des Kabeljaufangs hoffen.

Todd Saunders setzt ein kubistisches Denkmal

Die architektonische Entsprechung für dieses Öffnen und Hoffen auf Licht am Ende des Tunnels ist Architekt Todd Saunders. Er hat, zunächst gegen Widerstand, mit dem kubistischen Fogo Island Inn der Insel ein Denkmal gesetzt. Betritt man sein Zimmer scheint man geradewegs auf der anderen Seite durch die Panoramafront wieder hinauszufallen, eingehüllt in gleißendes Sonnenlicht oder mit Blick auf vorbeitreibende Eisberge auf ihrem Weg von Grönland ins Meer.

Ein einzigartiges WohnerlebnisZart, ja zerbrechlich wirkt der strenge Kubus von innen und das Auge wird nie müde, nach neuen Spuren der Inselgeschichte zu suchen: längst vergessene Zeilen eines altenglischen Gedichts an den Badezimmerfliesen, dasselbe Wandgrün, wie in der Fischerkate nebenan, altüberlieferte Gerichte mit Flechten und Wurzelgemüse, das sich dank hingebungsvoller Pflege der Dorfgemeinschaft aus dem felsigen Boden kämpft…

Das ganze Inn ist durchdrungen von der Insel und seinen Geschichten, vom Leben und Können der Fischer und von einer magischen Reduktion auf das Wesentliche. Nach Fogo Island kommen keine Menschen, denen Materielles wichtig ist. Denn das Immaterielle in wettergegerbten Gesichtern, weich geschliffenen Holzbohlen, samtiger Stille und inniger Herzlichkeit kann man mit nichts aufwiegen.

Und irgendwann, nach ein paar Tagen, fügt man seinem inneren Kiltmuster diesen besonderen Flicken Fogo Island hinzu – und plötzlich ist das Plaid komple