Die Gärten von Babylon

Das Schlaraffenland liegt in Südafrika

Schon mit dieser ersten Zeile bedaure ich, dass der Platz in unseremMagazin beschränkt ist. Denn meinen letzten Besuch im südafrikanischen Babylonstoren auf wenige Zeilen herunter zu brechen, wird schwer. Das historische Haus zwischen Franschhoek und Paarl ist nämlich einer jener raren Orte, an denen Genuss weit über das reine Essen hinaus geht: Farm, Weingut, gigantischer Gemüsegarten nach französischem Vorbild, Boutique Hotel und letztlich eine autarke Landwirtschaft.

Afrikaspezialistin Margot Deh bei einer riesigen Begegnung

Kulinarische Entdeckungen & Snotapples

Dass wir im März dieses Jahres einen Regentag in denWinelands hatten, wurde spätestens bei der Gummistiefel-aufgerüsteten Führung durch den riesigen Selbstversorgergarten zweitrangig. Sie offenbarte uns in zwei Stunden wohl nur einen Bruchteil dessen, was es tatsächlich zu sehen gäbe.
Wer noch nicht hungrig war, wurde das spätestens beim Probieren verschiedenster Persimon-Sorten, die ich aus heimischen Gemüseabteilungen eher als Geschmacksenttäuschung kannte. Die „Snotappels“ von Babylonstoren? Eine süße, aromatische, weiche Offenbarung!
Wie überhaupt die ganze bunte Vielfalt, die dort appetitlich aufgereiht zwischen Kräuter- und Natalpflaumen-Hecken heranreifte. Im Falle von Kürbissen zu unvorstellbarer Größe!

Das Einfache wird hier völlig neu interpretiert

Nun wäre ein solch opulenter Feinkost-Bauerngarten im Klima Südafrikas nicht weiter besonders, wäre da nicht die überaus überraschende Herangehensweise an die Verarbeitung der erntefrischen Köstlichkeiten. Malen nach Zahlen, das kannte ich ja. Aber essen nach Farben oder Geschmacksrichtungen?
Abends fragte man mich ganz selbstverständlich, ob ich denn lieber einen gelben, roten oder grünen Salat hätte? Und ob der Nachtisch süß, sauer, pikant oder herb sein dürfte? Zugegeben, meine Zunge stolperte anfangs über die Himbeeren, die sich im roten Salat zu Roter Bete und Radieschen gesellten.

Speisekarte an der Wand Gemüsegarten auf dem Teller

Aromabomben & Tee in der Vase

Ungewöhnlich ist auch, dass viele Gemüsearten ganz oder nur sehr grob zerteilt serviert werden, um so viel Aroma wie möglich einzuschließen.
Selbst der Tee wurde als frisch gepflücktes, duftendes Bouquet in einer Vase serviert, von dem man sich nach Geschmack die Blättchen abzupft und ins heißeWasser streut.

In Babylonstoren sieht man sein Abendessen heranwachsen, riecht das unvergleichliche Aroma der Tomatenstauden, wenn die Hände die Blätter bei der Ernte streifen, Kinder suchen riesige Frühstückseier im Hühnerstall, Cottage-Bewohner ernten die Zutaten für ihre Privatküche nach Lust und Laune im Beet um die Ecke und sogar samtige Pilze wachsen dort, ebenso wie Oliven für gehaltvolles, kaltgepresstes Öl.

Während meines „bitteren Desserts“ aus Schokoladen-Terrine mit schwarzen Oliven, gerösteten Walnüssen und Karamell beobachtete ich durch die großen Sprossenfenster einen klatschnassen, aber höchst gelassenen Esel und etliche dicke, schwarze Australorp-Hühner.
Dabei fielen mir kurioserweise die Liedzeilen „Ich wollt‘ ich wär‘ ein Huhn“ der Comedian Harmonists ein. In Babylonstoren hätte sicher niemand etwas dagegen. Es wäre ein Hühnerleben im Schlaraffenland!

Frühstücksei in Arbeit Picknick to go