Post von den Pinguinen

Das Porto kostet einen Dollar. Egal ob Postkarte oder dicker Brief. Aber auch Pfund oder Euro sind in Ordnung. Aber keine argentinische Pesos! Das wäre für die Nachbarn der Poststation pure Provokation, genau so, wie der gehisste Union Jack. Auch, wenn dieseNachbarn 1.378 Kilometer jenseits der Drake Passage wohnen. Und auch, wenn jede Münze in dieser Post unentbehrlich für die Arbeit des UK Antarctic Heritage Trust ist, der historische Stätten zwischen Eisbergen und Eselspinguinen renoviert.

Unter der im antarktischen Sturm knatternden britischen Flagge steht der südlichste Briefkasten der Welt vor der südlichsten Poststation der Welt: dem „Penguin Post Office“, Port Lockroy. Dort landen bunt frankierte Briefe, die von der Adresse 64°49’ S und 63°30’ W auf der Antarktischen Halbinsel vorgelagerten Goudier Island ihren Weg in alleWelt finden.

Basis für Walfänger, Meteorologen & Funker

Die jährlich rund 70.000 Sendungen, die meist mit einem „Eisige Grüße vom südlichen Ende der Welt“ enden, sind ein Stück antarktischer Kulturgeschichte. Eine, die schon 1904 mit der Entdeckung durch die Franzosen begann, sich im Pioniergeist von Ernest Shackleton fortsetzt und die auch die Geschichte norwegischer Walfänger oder einsamer Meteorologen und Funker ist. Sogar im ZweitenWeltkrieg spielte Port Lockroy eine Rolle – als die Briten es 1944 zu einemihrer Stützpunkte der "Operation Tabarin" machten, um Schiffsbewegungen des Feindes zu kontrollieren.

Ohne alle diese Abenteurer und Eigenbrötler gäbe es Port Lockroy nicht. Und auch nicht die drei Hütten und ihre drei Bewohner, die eigentlich Wissenschaftler sind und den antarktischen Sommer über als Postbeamte und Touristenführer fungieren.

Wohnen wie Anfang des 20. Jahrhunderts

Wie sich diese seltsame Kombination ergibt, erklärt ein Blick zurück ins Jahr 1959, in dem der Antarktisvertrag festlegte, dass dieser eisige Kontinent als weltweit einziger niemandem gehört. Besitzansprüche erheben dennoch viele Nationen und wer mitreden möchte, muss sein Interesse durch wissenschaftliche Studien belegen. Deshalb wohnen das ganze Jahr über eine Handvoll Exoten und Abenteurer in Port Lockroy, renovieren die historischen Häuser und wohnen dort fast so wie Anfang des 20. Jahrhunderts.
Von den Schlafkojen blickt man auf die verblassenden Zeichnungen einer drallen Elisabeth Taylor – Relikte derMänner, die einstmonatelang auf Goudier Islandmit der Einsamkeit haderten.

Die wissenschaftlichen Postbeamten hören heute wie damals das Knallen berstender Eisberge und verfolgen die Streitereien innerhalb der riesigen Kolonie von Eselspinguinen, und bis heute ist die Ankunft der mittlerweile 160 Schiffe pro Saison eine willkommene Unterbrechung der Routine inmitten der farblos weißen Welt. Zu welcher Uhrzeit das Schiff auch immer um den verschneiten Lécuyer Point biegt, steht „Postman“ Steven bereit. Denn er möchte die Geschichte dieses historischen Ortes erzählen und manchmal auch einen Sack Schmutzwäsche an Bord waschen lassen. Denn: Port Lockroy ist nicht nur ein geschichtsträchtiger Ort, sondern auch einer, an dem einen die Vergangenheit bisweilen einholt.