Die Lebensader Omans - Falaj

Ohne den Wakir läuft gar nichts. Wenn er streiken würde, wären die kleinen grünen Oasen im Hajar-Gebirge ebenso staubtrocken, wie die Felsen ringsum. Doch er ist immer da: der Wassermeister, der über etliche Dutzend Kilometer kleiner und großer Kanäle wacht – die Aflaj.
Oft geht er schon vor Sonnenaufgang los, damit alle Dorfbewohner ihr Wasser zur rechten Zeit zugeleitet bekommen. Mit Hilfe von Sonnenuhren oder Sternkalender können die Bauern sagen, wann ihre Zuteilung durch die steinerne Rinne sprudelt – alle sechs Stunden.

Solche Oasen gibt es nur Dank des ausgeklügelten BewässerungssystemsVor dem Wasser sind alle gleich
So ist es bis heute wie schon damals an allen anderen Tagen des Jahres genau dasselbe Prozedere. Mit geübtem Griff hebt der Wakir an unterschiedlichen Stellen schwere Holzbretter aus ihrer Verankerung und das Wasser fließt mal links und mal rechts Richtung Dorf. Zuerst zum Trinkwasserbrunnen, danach zur Moschee und weiter zur Viehtränke und zuletzt in die Gärten. „Das war schon immer so. Ansehen, Reichtum oder Stand spielen dabei keine Rolle. Jeder ist gleich, niemand wird bevorzugt“, erzählt der Wakir.
Er hat alles, was er weiß, von seinem Vater gelernt und dieser von seinem Vater. Das uralte Wissen um die hohe Kunst des Falaj-Baus, wird mündlich weitergegeben. „Jeder Meter der Aflaj funktioniert ohne hydraulische Hilfsmittel, nur vom Gefälle geleitet“, erklärt der Wakir. Es ist eines der raffiniertesten Wassersysteme der Welt und von der UNESCO in den Stand des Weltkulturerbes erhoben.

Aini und Iddi
Dieses teils unterirdisch verlaufende Bewässerungssystem gibt es im Sultanat Oman schon seit 2.000 Jahren und bis heute versorgt es die Menschen mit dem kühlen Nass. Von den einst 12.000 Aflaj werden heute noch 4.000 genutzt, wobei Falaj (übrigens der Singlar) nicht gleich Falaj ist; darauf besteht Rashid bin Said: „Die Aini-Aflaj werden direkt von der Quelle gespeist, das Wasser der Ghaili-Aflaj stammt aus einem Wadi, einem Flusstal. Unsere Falaj ist eine `Iddi´, die das Wasser von einem unterirdischen Grundwasserbrunnen bekommt.“ Besonders stolz ist er darauf, dass der rund zehn Kilometer lange Tunnel von dort schon seit über 200 Jahren reibungslos funktioniert.

Neues kommt nicht in Frage
Damit das so bleibt, beratschlagt der Ältestenrat regelmäßig über nötige Reparaturen und auch die zu verteilende Wassermenge. Ob man nicht daran denkt, das System zu erweitern und Teile neu zu bauen? Rashid schüttel fast entrüstet den Kopf: „Auf keinen Fall! Das, was wir haben, hat sich seit Generationen bewährt.“ Wie bei so vielem im Sultanat Oman geht es darum, das Vorhandene, die Traditionen, zu erhalten. Und so wird diese Lebensader sicher noch viele Jahre lang lauter kleine Gärten Eden auch in die trockensten Gegenden des Landes zaubern. Insha'allah – so Gott will.