Rasende Kamele und Mini-Jockeys

Der achtjährige Abdullah schaut etwas mürrisch als ihm sein Vater Jamil den rot-gelb gemusterten Helm aufsetzt. Bereits heute Morgen schon hat er auf dem schnellsten Kamel der Herde seine Trainingsrunden für das nächste Rennen absolviert. Ein weiteres Mal könnte er dem Gesichtsausdruck nach gut auf das Geschaukel verzichten. Doch Jamil ist streng. Schließlich sind die 20 Rennkamele der ganze Stolz des Beduinen, der mit seiner Familie unter anderem vom Verkauf der Tiere lebt.

6-stellige Summe mit 40 km/h
Besonders gute Kamele kann er mit viel Glück sogar an den „The Royal Camels Unit“ verkaufen. Eine Organisation, die sich unter anderem um Zucht, vor allem aber um die Kamele des Sultans kümmert. Für ein gutes Rennkamel kann Jamil er eine sechsstellige Summe verlangen. Zum Training reitet er selbst vorneweg, Sohn samt Kamel am Führstrick hinterher.
Die dreijährige Kamelstute mit den sanften Augen, die mit seinem Sohn als Jockey ins nächste Rennen geht, schafft bis zu 40 Stundenkilometer in der Spitze. Eine eher unbequeme Angelegenheit, die ein festes Anschnallen des kleinen Abdullahs im Sattel erfordert und sicher sein gequältes Gesicht erklärt. Im Oman sind es meist die kleinen, leichten Kinder, die auf dem Rücken der Rennkamele an den Start gehen und die Tiere beherzt antreiben. In anderen arabischen Emiraten gibt es dafür oft schon „Reiter-Roboter“ – nicht aber im traditionell verwurzelten Oman.

Glückliches Kamel = Glücklicher Besitzer
Abdullahs großer Tag beginnt noch vor Sonnenaufgang, wenn es nicht so heiß ist. Wie Schatten tauchen am Rennplatz Kamele und Jeeps aus dem Dunst auf. Es ist eine mystische Atmosphäre und es gehören großes Glück und sicher auch ein gut informierter Guide dazu, wenn Reisende einem der oft spontan veranstalteten Kamelrennen beiwohnen möchten. Am Start drängen sich die aufgekratzten Tiere mit ihren kleinen, ostereierbunt gekleideten Jockeys aneinander. Dann geht es los – mit riesigen Schritten und fast waagrecht ausgestreckten Hälsen rasen die acht Kamele los. Immer wieder klopfen die Jungen die Tiere mit einem kurzen Stock auf das Hinterteil. Das ist aber die einzige Gelegenheit, bei der die Kamele nicht mit Samthandschuhen angefasst werden. Denn je glücklicher das Kamel, desto glücklicher ist auch sein Besitzer!

Kamele gegen Pickups
Die Kamelzüchter und Väter springen kurz nach dem Start auf die Ladeflächen ihrer Pickups, um neben der abgezäunten Strecke herzufahren und den Nachwuchs anzufeuern. Ein Riesenspaß für alle und ein sozialer Höhepunkt für die Omanis. Das ganz große Glück aber lässt an diesem Renntag auf sich warten: Dem kleinen Abdullah fehlt noch die Routine, sich bis zu Platz eins vorzukämpfen. Doch Jamil nimmt es väterlich gelassen und streicht dem stolzen Mini-Reiter über den Kopf. Der ist gleich darauf schon wieder unterwegs zu „seinem“ Kamel, das mit empört herunterhängender Unterlippe und klimperndem Wimpernaufschlag auf seine Ration Kraftfutter wartet. Ein teurer Luxus, den aber jeder Kamelbesitzer gerne in die vielbeinigen Familienmitglieder investiert. Bis heute gilt, was schon im Koran steht: „Das Kamel ist das großartigste Tier unter der Sonne.“ Für die Omanis auf jeden Fall.